FÜRTHER NACHRICHTEN
14. März 1998


Der Steiner Rudolf Lohwasser hat seine Modellautos auf die Datenautobahn geschickt

 "Briefkasten-Onkel" im Internet

Tips, Firmenadressen und Tauschbörse für Gleichgesinnte auf Homepage - Galerie zählt 900 Modelle

nur ein Bild von mir

STEIN - Eine Modellauto-Sammlung hat drei natürliche Feinde: Staub, Sonne und Kinder. Gegen Staub helfen weder Vitrinen noch Putzfimmel. Allein der Kosmetikpinsel von Gattin Hannelore hat sich für die Pflege bewährt. Und Sonnenlicht meidet Rudolf Lohwasser (49) mit überlegter Auswahl des Aufbewahrungsortes.
Für neugierige und spieleifrige Kinder hat er immer einige billige Spielzeugautos parat. Mit ihnen dürfen die Kinder dann das machen, wofür die Objekte seiner Leidenschaft ursprünglich bestimmt waren: Spielen. Die Sammlung ist für Kinderhände tabu.

 An die 900 Stück zählt sie nach drei Jahrzehnten eifriger Suche. Der Modellauto-Fan aus Stein hortet vor allem Miniatur-Ausgaben von italienischen Fahrzeugen der Marke Alfa Romeo. Bevorzugt die, die der norditalienische Hersteller Bburago produziert.

Auf Lohwassers Homepage im Internet können Gleichgesinnte in seiner Auto-Galerie stöbern. Neuheiten, die Firmenhistorie von Bburago, Herstelleradressen und eine Tauschbörse finden sie hier. Jeder kann den Flohmarkt mit Annoncen bestücken.
Nach einem halben Jahr kickt Lohwasser die Anzeigen automatisch aus dem System.
Auch die eingangs erwähnten Pflegetips sind unter der Adresse http://www.modellautohomepage.de abrufbar.
 

Seine Modellautos sind Rudolf Lohwassers größter Schatz. Seit einigen
Monaten sind sie auch im Internet zu bewundern.Der Sammler hat eine
Homepage eingerichtet, die Gleichgesinnten Tips und eine Tauschbörse bietet
Foto: Scherer

Junge Disziplin

Als Lohwasser begann, Blechgefährte im Kleinformat zu sammeln, haben ihn alle belächelt. "So ein Billig-Zeug", spöttelten Freunde und Bekannte. Seine Disziplin ist sehr jung, und Gleichgesinnte finden sich selten. Aber inzwischen gibt es auch von Bburago Raritäten, für die der wahre Anhänger auch mal einen Tausender auf den Tisch blättert.
Lohwasser besitzt solche Modelle nicht: "Ich bin glücklich mit dem, was ich habe", sagt er. Alles, was preislich im Bereich dreistelliger Summen liegt, interessiert ihn nicht

Es begann alles mit einem faden Urlaub in Italien: Weil sich Sohn Stefan so langweilte, kaufte ihm Papa ein Spielzeugauto: den eigenen Traumwagen, einen Alfa Romeo Montreal en miniature.
Zu Hause hat er seinem Sohn das Fahrzeug stibitzt. ,,Der hatte genug andere Sachen zum Spielen" Papa Rudolf spielte natürlich nicht mit dem Prototypen seines Schatzes. Lackabsplitterung entwertet ein Sammlerstück enorm. Käme ein Nietenzähler, der die originalgetreue Wiedergabe einzelner Schrauben überprüft und es fehlte was - welche Schande! Glücklich schätzt sich Lohwasser, hat er ein Auto, das ein anderer sucht. Das ist wahres Sammlerglück.

Seit der Sohn außer Haus ist residiert Papa im Kinderzimmer. Über eine Wandlänge von etwa vier Metern parken die kleinen Spielzeuge mit den großen Vorbildern auf schmalen Regalbrettern.
Hier ist der Computer installiert, von dem aus der Quelle-Disponent für den Einkauf nach Feierabend in die virtuelle Welt abtaucht, allerdings nur über Modem. ISDN vergleicht Lohwasser mit einer fünfspurigen Auffahrt auf eine einspurige Autobahn.

 

Erster im Netz

Anfang der 80er Jahre legte sich Lohwasser den ersten Computer zu. Nachdem er die eigene Sammlung im PC katalogisiert hatte, war es für ihn nur eine "logische Weiterentwicklung", auch im Internet mitzumischen.
"Ich war der erste, der im World Wide Web das Thema Modellauto besetzt hat", sagt er. Als er seine Homepage im November vergangenen Jahres dann hochgeladen hat war plötzlich ein zweiter Modellauto Freak mit auf der virtuellen Spielwiese unterwegs.

2600 Besucher seiner Seiten hat Lohwasser bereits gezählt Für das Interesse bedankt er sich in der Rubrik "Fragen und Antworten" ganz höflich und mit viel Selbstironie: "Langsam komme ich mir ja schon vor wie der Briefkasten-Onkel der Internet-Modellautoszene" ist an dieser Stelle zu lesen und weiter: "Das ehrt mich zwar, aber überschätzt bitte meine Kompetenz nicht."

Bei aller Begeisterung für das Medium:
An erster Stelle rangiert für den Computer-Fan das reale Leben in der Reihenfolge "Job, Skiurlaub und Web-Seiten". Weshalb seine Neuheiten-Schau im Internet nicht immer up to date ist.

Eine ausgesprochen nette Würdigung erfährt Gattin Hannelore am Fuß der Datei "Persönliches":
Mit einem herzlichen Dankeschön für ihr Verständnis gegenüber stundenlangen abendlichen Computersitzungen.
"Sollte ich ihr zum Dank vielleicht eine ,eigene Homepage für ihre Puppensammlung einrichten?", überlegt Lohwasser an gleicher Stelle.
Denn mit der Sammelleidenschaft ist die ganze Familie infiziert.

 

Puppen und Autos

Gattin Hannelore (49) liebt Puppen, die ordentlich drapiert in der Eßzimnerecke ruhen, und kleine Ton-Eulen.
Sohn Stefan würde am liebsten Autos horten, im Gegensatz zu seinem Vater aber im Originalformat.
Für mehr als drei hat das Geld bisher jedoch nicht gereicht.
Zeitungen und Zeitschriften, erzählt Lohwassers Gattin, liest ihr Mann aber noch immer auf dem Sofa sitzend in ihrer Gesellschaft.
Dem gedruckten Wort fühlt sich Lohwasser äußerst verbunden: "Ich blättere gern und möchte einen Satz auch zweimal lesen."

SABINE DIETZ


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